Die Geschichte Thüringens

   

 

Thüringer Königreich
 

Fränkisch-Sächsische Herrschaft
 

Die Zeit der Ludowinger
 

Die Zeit der Wettiner und der Wettinisch-Ernestinischen Landesteilungen
   
 

Thüringen im 19. Jahrhundert

jetziges Thüringer Wappen

Thüringer Wappen von 1933
 

Thüringen im 20. Jahrhundert
 

Das Thüringer Landeswappen
 
   
   
   
Zeitrechnung v. Chr.
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um 350/300.000 v. Chr.
Älteste Zeugnisse von Steinzeitmenschen in Thüringen. Fund eines Homo erectus bei Bilzingsleben.
um 200.000 v.Chr.
Nachweis des Homo sapiens bei Ehringsdorf.
um 40.000-8.000 v. Chr.
Mehrschichtige Funde (Fundhorizonte) verschiedener Steinzeitkulturen in der Ilsenhöhle bei Ranis und in der Kniegrotte bei Döbritz.
um 5000-1800 v. Chr.
Bandkeramiker (Linien-, Stichbandkeramiker), Trichterbecherkulturen, Schnurkeramiker und Glockenbecherkulturen in Thüringen.
um 1800-1500 v. Chr.
Aunjetitzer Kultur in Thüringen bezeugt; ebenso Leubinger Kultur (bei Weißensee).
um 1500-1200 v. Chr.
Hügelgräberkultur in Südthüringen und in der Vorderrhön.
um 1200-800 v. Chr.
Urnenfelderzeit im Thüringer Becken und am/im Thüringer Wald.
um 800 -500 v. Chr.
(Hallstatt-Zeit) Siedlungen in Südthüringen, im Thüringer Becken, im Orla-Gau und in der Goldenen Aue.
um 500 v. Chr.
Zeitenwende (La Tène-Zeit) Kelten und Vertreter der germanischen Brandgräber-Kultur nachweisbar.

Thüringer Königreich
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um 2./1. Jh. v. Chr.- 2. Jh. n. Chr.
Hermunduren (zusammen mit Sweben und Semnonen zu den elbgermanischen Herminonen gehörend) bilden nach ihrer Einwanderung einen eigenen Stammesverband. Ihre Nachbarn sind (abgesehen von den Alteinheimischen und den Kelten) u. a. Semnonen, Langobarden, Chatten, Markomannen, Wandalen, Sweben.
64 v. Chr: 120 n. Chr.
Erwähnung der Hermunduren bei Strabon, Paterculus, Domitius, Tacitus u. a. Hermunduren haben eine bestimmende Stellung bei den Elbgermanen, sie handeln bis in den Donauraum und siedeln etwa zwischen Werra und Erzgebirge, Harz und Donau (Nord- u. Südhermunduren). Ab dem 3. Jh. wandern Angeln und Warnen ein.
um 380 n. Chr.
Erstmalige Erwähnung des Namens "Thoringi" für Thüringer bei Flavius Vegetius Renatus. Überschichtungs- und Verschmelzungsprozesse verschiedener Stämme und Gruppen im Thüringer Raum.
4./5. Jh.
Der Name Thüringen läßt mehrere Deutungen zu: - Thoringi: germ. turingoz - Hermondoroi: germ. ermanduroz Ableitbar von: ermena (groß), dur (wertvoll), duren (fest), Dur (Eigenname), turon (kühn). - Teurier: keltischer Name (Volk). Während der Völkerwanderungszeit verharren die Thüringer auffälligerweise an ihren Orten. Thüringer Nachbarn in 4./5. Jh.: Sachsen, Franken, Alemannen, Bajuwaren, Langobarden u. a. Mögliche Herrscher in Thüringen: Erpes, Hoyer, Otterich, Byssinus (Bissin - der Vater von König Hermenefried).
531
Untergang des Thüringerreiches unter König Hermenefried durch den Sieg der Franken und Sachsen, wahrscheinlich bei Burgscheidungen an der Unstrut. Thüringen wird Teil der "Francia Orientalis", bleibt jedoch relativ selbständig. Franken und Sachsen ziehen nach Thüringen, es folgen die ostsaalischen Slawen.

Fränkisch-Sächsische Herrschaft
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628 -632
Der fränkische König Dagobert verwaltet Ostfranken und Thüringen.
639
Der Franke Radulf wird von Dagobert als Dux (?) eingesetzt.
725 (719 ?)
Beginn der Missionierung Thüringens unter dem Angelsachsen Bonifatius, der 725 bei Ohrdruf ein kleines Kloster (cella) gründet.
741
Teilung des Frankenreiches. Thüringen fällt an Karl Martells Sohn Karlmann. Von Mainz, Fulda und Hersfeld aus wird Thüringen christianisiert. Gründung des Bistums Erfurt (741/42)
um 800
Aufzeichnung der "Lex Angliorum et Werinorum hoc est Thuringorum" auf Anweisung Karls des Großen.
802
Erfurter Adelsversammlung, 805 Diedenhofer Capitular.
843
Vertrag von Verdun: Teilung des fränkischen Reiches. Thüringen verbleibt beim Ostfränkischen Reich Ludwig des Deutschen.
908
Der letzte fränkische Markgraf von Thüringen Burchard fällt im Kampf gegen die Ungarn.
919
Thüringen wird nach den Aussterben der Karolinger von König Heinrich I. unter sächsische Oberhoheit gebracht.
933
Entscheidende Schlacht gegen die Ungarn bei Riade (U) -?-
968
Gründung der Bistümer Zeitz, Merseburg und Meißen.
985
Belehnung des Grafen Ekkehard I. mit der Markgrafschaft Meißen. Er ringt mit dem Grafen Wilhelm II. von Weimar-Orlamünde um die Vorherrschaft in Thüringen.
1046
Belehnung der Grafen von Weimar-Orlamünde mit der Markgrafschaft Meißen, 1063 auch mit der Pfalzgrafschaft Sachsen. Weitere bedeutende Grafengeschlechter und Herrschaften in Thüringen (ab 10.-12. Jh.: von Beichlingen, Tonna-Gleichen, Berka, Henneberg, Honstein, Kirchberg, Blankenhain, Frankenstein, Kranichfeld, Lobdeburg, Tannroda, Apolda u.a.). (Weitere bedeutende Grafengeschlechter siehe später).

Die Zeit der Ludowinger
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um 1040 (50)
Ludwig der Bärtige (aus Lohr bei Aschaffenburg stammend) begründet die thüringische Ludowinger-Dynastie.
1074
Gründung der Schauenburg bei Friedrichroda. Wichtige Rodungen: Altenbergen, Friedrichroda, Finsterbergen, Espenfeld.
1085
Gründung des ludowingischen Hausklosters Reinhardtsbrunn mit Hirsauer Mönchen durch Ludwig den Springer (Aneignung Eisenacher Gebiets: Wartburg 1067/1080).
1130/31
Belehnung Ludwigs I. mit der Landgrafschaft Thüringen durch Kaiser Lothar III. von Supplinburg
1140-1172
Herrschaft von Landgraf Ludwig II. dem Eisernen.
1143
Gründung des Zisterzienserklosters Georgenthal durch Sizzo III., einem Grafen von Käfernburg-Schwarzburg.
1172-1190
Herrschaft von Landgraf Ludwig III. dem Frommen.
1180
Ehrenvorrang des Landgrafen gegenüber den Herzögen des Reiches in der Gelnhäuser Urkunde anerkannt (13.05.1180). Belehnung der Thüringer Landgrafen mit der Pfalzgrafschaft Sachsen (Allstedt).
1183-1189
Thüringen tritt in die hochmittelalterliche Literaturlandschaft ein (Vollendung des Romans Aeneas durch Heinrich von Veldecke).
1190-1217
Regierungszeit von Landgraf Hermann I. Die Wartburg wird kulturelles Zentrum der mittellhochdeutschen Dichtung, Sängerkrieg um 1206.
1217-1227
Regierungszeit von Landgraf Ludwig IV. ("dem Heiligen"), Gemahl der heiligen Elisabeth (Tochter des ungarischen Königs Andreas und seiner Gemahlin Gertrud von Andechs-Meran). Nach dem Tode Ludwigs geht Elisabeth über Bamberg nach Marburg, sie stirbt dort 1231 (Heiligsprechung: 1235).
1227-1240
Gemeinsame Verwaltung der Thüringer Landgrafschaf durch Heinrich Raspe IV. und Konrad
1242
Einsetzung des Landgrafen Heinrich Raspe IV. als Reichsverweser: er wird 1246 gegen den Staufer Friedrich II. zum Gegenkönig gewählt.

Die Zeit der Wettiner und der Wettinisch-Ernestinischen Landesteilungen
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1247-1264
Erbfolgekrieg nach dem Tod des kinderlosen Landgrafen Heinrich Raspe IV. zwischen Sophie von Brabant (der ältesten Tochter Ludwigs IV. und der hl. Elisabeth) und dem Wettiner Markgrafen Heinrich dem Erlauchten von Meißen. An diesen fällt die Landgrafschaft im Jahr 1264.
1292
Gleichstellung der Landgrafschaft Hessen zur Landgrafschaft Thüringen.
1307
Schlacht bei Lucka. Machtbestätigung der Wettiner und Festigung der Markgrafschaft Meißen
1310
König Heinrich VII. (deutscher Kaiser ab 1312) erkennt im Prager Vertrag vom 19.12.1310 die Rechte des Hauses Wettin in Thüringen an.
1342-1345
Thüringer Grafenkrieg.
1353
Erwerb der Pflege Coburg durch die Wettiner.
1423
Markgraf Friedrich der Streitbare erhält das Herzogtum Sachsen-Wittenberg, dadurch Erhebung der Wettiner in den Kurfürstenstand.
1446-1451
Sächsischer Bruderkrieg.
1485
Leipziger Teilungsvertrag zwischen Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht von Sachsen (17.06.1485). Der wettinische Besitz in Thüringen zerfällt in einen nördlichen albertinischen und einen südlichen ernestinischen Teil.
1486-1525
Regierungszeit von Friedrich dem Weisen, Förderer der Reformation.
1520
Erneuerung der Erbverbrüderung zwischen Hessen und Thüringen.
1521/22
Aufenthalt Luthers auf der Wartburg. Übersetzung des Neuen Testaments, Schaffung der deutschen Schriftsprache.
1525/32
Regierungszeit von Kurfürst Johann dem Beständigen.
1525
Thüringer Aufstand als ein Höhepunkt des deutschen Bauernkrieges und seine Niederschlagung bei Frankenhausen.
1530
Einführung der Reformation in Thüringen im wesentlichen abgeschlossen.
1531
Gründung des Schmalkaldischen Bundes zum Schutz der Reformation (ihm gehören neben dem ernestinischen Wettin und Hessen u.a. Anhalt, Mansfeld, Brandenburg, Magdeburg an).
1547
Johann Friedrich I. der Großmütige verliert nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg (1546/47- Schlacht bei Mühlberg) die Kurwürde und einen Teil seiner Lande an die Albertiner. Weimar wird ernestinische Hauptresidenz.
1554
Das Altenburger Gebiet, seit 1547 albertinisch, wird den Ernestinern zurückgegeben.
1555
Johann Friedrich II. erwirbt die gefürstete Grafschaft Henneberg-Römhild.
1558
Gründung der Universität Jena (als Hohe Schule bereits 1548 gegründet).
1567
Die "Grumbachschen Händel" enden für Johann Friedrich II., der die Kurwürde für die Ernestiner zurückerobern wollte, mit einer Katastrophe. Seine Länder erhält Bruder Johann Wilhelm, der seine Residenz in Weimar einrichtet.
1572
Beginn der ernestinischen Landesteilungen (1572,1603,1640,1672,1680). Erfurter Teilung, nachdem 1570 die Söhne Johann Friedrich II. ihr Erbe zurückerhalten hatten.
1583
Die ernestinischen und albertinischen Wettiner erwerben die gefürstete Grafschaft Henneberg-Schleusingen und richten eine gemeinsame Verwaltung ein.
1640
Die Söhne Herzog Johanns von Sachsen-Weimar teilen ihren Besitz. Wilhelm erhält das Weimarer Gebiet, Albrecht das Eisenacher und Ernst I. das Gothaer Gebiet. Wilhelm stiftet den Weimarer, Ernst den Gothaer Zweig der Ernestiner.
1641-1675
Herrschaft von Herzog Ernst I. dem Frommen in Gotha; Aufbau einer modernen Landes- und Kirchenverwaltung.
1656
Gründung von Sekundogenituren (Seitenlinien): Sachsen-Weißenfels (bis 1746), Sachsen-Zeitz (bis 1718) (und Merseburg bis 1738); nach deren Erlöschen werden sie wieder dem Kurstaat eingegliedert.
1690
Sachsen-Jena fällt an Sachsen-Eisenach.
1710
Sachsen-Römhild erlischt und wird zum Objekt des "Coburg-Eisenberg-Römhilder Erbstreites" der gothaischen Ernestiner (beendet 1735).
1741
Sachsen-Eisenach fällt an Sachsen-Weimar, das damit alle Gebiete der weimarischen Ernestiner vereinigt.
1775-1828
Regierungszeit von Herzog/Großherzog Carl August. Goethe wird nach Weimar geladen und wirkt hier bis zu seinem Tode im Jahre 1832. Während der Regierungszeit von Carl August werden Weimar und Jena zu den deutsch-europäischen Zentren der Klassik und idealistischen Philosophie; in Jena zudem Epoche der Frühromantiker.
1806
Schlacht bei Jena und Auerstedt.
1815
Auf dem Wiener Kongreß erhält Sachsen-Weimar-Eisenach das bislang albertinische Neustädter Gebiet und wird Großherzogtum. Die albertinischen Landesteile Thüringens werden preußisch. Gründung der Urburschenschaft in Jena.
1817
Wartburgfest der deutschen Studenten.
1826
Die Gebiete der gothaischen Ernestiner werden völlig neu verteilt: An Sachsen-Meiningen wird ganz Sachsen-Hildburghausen und der Saalfelder Teil von Sachsen-Coburg-Saalfeld abgetreten. Der Hildburghäuser Herzog erhält dafür Sachsen-Altenburg, der Coburger Herzog erhält Sachsen-Gotha. Es existieren nun die drei Herzogtümer Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg und Sachsen-Coburg-Gotha, außerdem das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach.

Die Herrschaft der Schwarzburger, Reußen, Mainzer und Preußen in Thüringen
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11. Jh.
Auftreten der Schwarzburger und Sizzonen in Thüringen.
1154
Urkundliche Ersterwähnung von Rudolstadt.
1538
Schwarzburger Gesamtbesitz durch Zusammenschluß verschiedener Besitzungen.
1599
Teilung der Schwarzburger Grafschaft.
1697/1700
Schwarzburg-Arnstadt und Schwarzburg-Rudolstadt werden Fürstentümer.
1920
Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen schließen sich dem Land Thüringen an.

12. Jh.
.Nachweis der Reuß'schen Vorfahren in Nord- und Ostthüringen.
1209
Verleihung des Titels Vogt an die Reußen in Weida.
14. Jh.
Der Name Vogtland bürgert sich ein (Ausdehnung ca. 4.000 qkm mit Weida als Zentrum).
1560
Schaffung eines Reuß'schen Gesamtbesitzes, der allerdings nachfolgend in so viele Linien zerfällt, daß die Reuß'schen Lande zum Inbegriff des deutschen Kleinstaatentums werden.
1919
Am Ende ihrer Herrschaft existieren zwei Linien: Reuß ältere Linie und Reuß jüngere Linie. Als Volksstaat Reuß treten sie 1920 dem Land Thüringen bei.

741/42
Gründung des Bistums Erfurt durch Bonifatius.
754/55
Eingliederung des Bistums Erfurt in das Erzbistum Mainz.
1243
Bürgerliche Verwaltung in Erfurt.
1304/06
Entstehung des Städtebundes Erfurt-Mühlhausen-Nordhausen,1309 erneuert; Dauer mindestens bis 1472.
1392
Eröffnung der Universität Erfurt.
1460/1521
Blütezeit des Humanismus in Erfurt.
1509
Tolles Jahr in Erfurt.
1664
Erfurt wird Mainz'sche Landesstadt.
1802/1813
Erfurt wird preußisch. Bildung von zunächst zwei "Zivilgouvernements" (Provinzen zwischen Weser und Elbe bzw. Sachsen).
1807
Erfurt ist französisch.
1815
Die Gründung der preußischen Provinz Sachsen erfolgt am 30.04.1815, der Regierungsbezirk Erfurt wird 1816 gebildet.
1816
Schließung der Universität Erfurt.
1944
Umorganisation der preußischen Provinz Sachsen. Zuordnung des Regierungsbezirkes Erfurt ab 1. 7. zu Thüringen.
1945
Der ehemalige preußische Regierungsbezirk Erfurt wird im Juni (inkl. des ehem. preußischen Landkreises Schmalkalden) Teil des Landes Thüringen.

531 ff.
Nach dem Untergang des Thüringer Königreiches kommt das Obereichsfeld unter fränkische, das Untereichsfeld unter sächsische Herrschaft.
8. Jh.
Der Mainzer Kurstaat erwirbt langsam kirchliche Hoheit und weltlichen Besitz.
897
Ersterwähnung des Eichsfeldes.
973
Ersterwähnung von Heiligenstadt.
1294
Bedeutender Landerwerb durch Mainz
1548/1555
Gegenreformation und Rekatholisierung des Eichsfeldes.
1802
Das Eichsfeld wird preußisch, Heiligenstadt wird Sitz des preußischen Regierungspräsidenten. Das Eichsfeld wird in einen Oberkreis (Heiligenstadt) und einen Unterkreis (Duderstadt) eingeteilt.
1807-1813
Das Eichsfeld gehört zum Königreich Westphalen. Heiligenstadt ist Sitz des Harzdepartements.
1813
Das Eichsfeld wird wieder preußisch
1816
Das nördliche Untereichsfeld kommt zum Königreich Hannover, das Obereichsfeld bleibt preußisch.
1866
Das Eichsfeld gehört zu zwei preußischen Provinzen: Erfurt und Hildesheim.
1945
Das Obereichsfeld kommt unter sowjetische Verwaltung. Bildung eines Landkreises Eichsfeld. Nachfolgend Bildung von zwei Kreisen Heiligenstadt und Worbis.

967
Ersterwähnung von Mühlhausen.
1220/24
Das Mühlhäuser Rechtsbuch erscheint (erstes Stadtrechtsbuch in deutscher Sprache).
1256
(1241,1251) Mühlhausen erreicht faktisch die kommunale Selbstverwaltung und damit den (rechtlich allerdings nicht fixierten) Status einer Freien Reichsstadt.
ab 1522
Auftreten reformatorischer Geistlicher.
1525
Ewiger Rat in Mühlhausen, Bauernkrieg, Hinrichtung Thomas Müntzers bei Görmar.
1710
Mühlhausen steht unter dem Schutz von Hannover.
1802
Zugehörigkeit zu Preußen
1807/13
Mühlhausen wird Teil des Königreichs Westphalen.
1813
Erneute Zugehörigkeit von Mühlhausen zu Preußen.
1945
Eingliederung Mühlhausens in das Land Thüringen.

874
Ersterwähnung von Schmalkalden.
um 1100
Schmalkalden im Besitz von Ludowingern, Hennebergern und Brandenburgern.
1227
Schmalkalden wird als Stadt bezeugt.
1360
Die 1. Hälfte von Schmalkalden fällt an Hessen,1583 folgt die 2. Hälfte.
1866
Zugehörigkeit von Schmalkalden zusammen mit Kurhessen zur preußischen Provinz Hessen-Nassau.
1920/33
Schmalkalden ist als Landkreis eine preußische Enklave des Regierungsbezirkes Kassel.
1944
Eingliederung von Schmalkalden in den preußischen Regierungsbezirk Erfurt (1945 zum Land Thüringen).

Thüringen im 19. Jahrhundert
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1801
Friede von Lunéville. Entschädigung deutscher Fürsten durch Verlust linksreinischer Gebiete.
1802
Erfurt, Mühlhausen, Nordhausen, das Eichsfeld kommen an Preußen. Die Bestätigung erfolgt 1803 im Reichsdeputationshauptschluß.
1815
Wiener Kongreß. Preußen erhält (erneut) die Städte Erfurt, Mühlhausen, Nordhausen, das Obereichsfeld sowie das gesamte albertinisch-sächsische Nordthüringen (s. 1485, 1547).
1834
Beitritt der Thüringer Kleinstaaten zum Deutschen Zollverein.
1846
Carl Zeiss gründet in Jena sein mechanisches Atelier.
1848
Verfassungskämpfe, Reformen, Einheitsbestrebungen in Thüringen für ein "GesamtThüringen".
1866
Beitritt der thüringischen Kleinstaaten zum Norddeutschen Bund. Schlacht bei Langensalza (Preußen-Hannover).
1871
Beitritt der Thüringer Staaten zum Deutschen Reich.
1869
Gründungsparteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach.
1875
Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in Gotha.
1891
Programmatischer Parteitag der SPD in Erfurt.
1894
Große Thüringer Gewerbeausstellung in Erfurt.

Thüringen im 20. Jahrhundert
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1918
Abdankung der thüringischen Fürstenhäuser nach dem Sturz der Hohenzollern- Monarchie.
1919
Bildung des Volksstaates Reuß. Tagung der deutschen Nationalversammlung in Weimar, Gründung der Weimarer Republik.
1920
Gründung des Landes Thüringen (1.,5.1920) aus 7 Nachfolgestaaten ohne Anschluß des preußischen Regierungsbezirkes Erfurt. Der Kreis Coburg entscheidet sich für Bayern.
1921
Verabschiedung der Verfassung des Landes Thüringen.
1922
Neue Kreisordnung und -einteilung Thüringens in 9 Stadtkreise und 15 Landkreise.
1923
Reichsexekution gegen die Thüringer SPD/KPD-Regierung.
1930
Wilhelm Frick (NSDAP) wird in Thüringen Innen- und Volksbildungsminister.
1932
Letzte freie Wahlen zum 6. Thüringer Landtag.
1932/33
Fritz Sauckel (NSDAP) wird Ministerpräsident, später Reichsstatthalter von Thüringen.
1933
Verlust der Thüringer Eigenstaatlichkeit
1944
Zuordnung des preußischen Regierungsbezirkes Erfurt (incl. des Landkreises Schmalkalden) zu Thüringen.
1945
Schwere Zerstörungen Thüringer Städte durch Luftangriffe. Besetzung Thüringens durch amerikanische, später durch sowjetische Truppen. Eingliederung mehrerer (altthüringischer) preußischer Gebietsteile nach Thüringen.
1946
Wahlen zum Thüringer Landtag (20.10.). Annahme der Verfassung (20.12.). Bestätigung der Landesbildung.
1949
Eingliederung Thüringens in die neugegründete DDR.
1950
Erfurt wird Regierungssitz für Thüringen.
1951
Erfurt wird Sitz des Thüringer Landtages
1952
Auflösung des Landes Thüringen (25.7.1952); Bildung der DDR-Bezirke Erfurt, Gera, Suhl.
1989
Wende und Auflösung der DDR
1990, 14.10.
Neubildung des Landes Thüringens, Hauptstadt wird Erfurt. Die Landesfarben sind weiß-rot, als Landeswappen wird der Thüringer Löwe mit acht umgebenden Sternen bestimmt (Symbol für die Thüringer Gründungsstaaten). 25.10.: konstituierende Sitzung des neuen Thüringer Landtages.
1993, 25.10.
Verabschiedung der Verfassung des Freistaates Thüringen.

Copyright: Prof. Dr. Axel Stelzner, Universität Jena

 

Das Thüringer Landeswappen
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Wappen
Vollwappen des
Wettiner Landgrafen Albrecht
um 1265
(Zeichnung Peter Heß)
Wappen
Thüringer Wappen
von 1921
 
Wappen
Thüringer Wappen
von 1933
mit "hessischer Streifung"
des Landgrafenlöwen
(Zeichnung: Otto Hupp)
Wappen
Wappen
des
Landes Thüringen
1991
(Zeichnung: PeterHeß)

 

 

Am 10. Januar 1991 beschloß der Thüringer Landtag das Gesetz über die Hoheitszeichen Thüringens, veröffentlicht im Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Thüringen Nr. 7/1991. Danach zeigt das Thüringer Landeswappen in Blau einen goldgekrönten und bewehrten, achtfach von Rot und Silber quergestreiften Löwen, umgeben von acht silbernen Sternen. Fällt bei erster Betrachtung dieses Wappens zunächst eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Wappen des Landes Hessen auf, zeigen sich bei genauem Vergleich jedoch vier wichtige Unterschiede: Der hessische Löwe ist zehnfach quergestreift, wobei diese Streifung von oben her mit Silber beginnt, er ist ungekrönt, und auf den Schildgrund sind keine Sterne gestreut.

Welche Gründe führten dazu, dem 1990 neuentstandenen Land Thüringen auch ein neues Wappen zu geben, das sich auffallend von seinen Vorgängerwappen unterscheidet, aber auch Elemente aus früheren Wappen übernimmt, mit dem "bunten Löwen" jedoch ganz bewußt eine Verbindung zum hessischen Wappen besitzt?

Thüringen, über Jahrhunderte hinweg mehr ein kulturhistorisch-geographischer Begriff, entstand als administrative Einheit erst am 1. Mai 1920 auf der Grundlage des am 23. April 1920 von der Nationalversammlung verabschiedeten Gesetzes über die Bildung des Landes Thüringen als Zusammenschluß der sieben ehemaligen Herzog- bzw. Fürstentümer (die bis zum Ende der Monarchie in Deutschland souveräne Staaten gewesen waren) Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Gotha (ohne Coburg), Sachsen-Altenburg, Sachsen-Meiningen, beiden Fürstentümern Reuß, die sich 1919 zum Volksstaat Reuß vereinigt hatten, Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen. Die territoriale Einheit Thüringens war damit jedoch nicht hergestellt, denn die preußisch-thüringischen Gebietsteile (Regierungsbezirk Erfurt mit seinen beiden Exklaven Schleusingen und Ziegenrück, Teile des Regierungsbezirkes Merseburg sowie der Kreis Herrschaft Schmalkalden der preußischen Provinz Hessen-Nassau) konnten nicht integriert werden. Nach jahrhundertelanger territorialer Zersplitterung war aber damit ein großer Teil Thüringens in einem Staatsverband zusammengeschlossen.

In der Frage eines Wappens für den Freistaat kam es im Landtag zu teilweise heftigen Kontroversen. Zunächst hatte die Regierung bereits acht Wochen nach ihrer Bestätigung am 18. Januar 1921 dem Landtag den "Entwurf eines Gesetzes über das Wappen und die Landesfarben Thüringens" zur Beschlußfassung zugeleitet. Danach sollte das Wappen als Symbol des Zusammenschlusses der thüringischen Einzelstaaten aus sieben silbernen Sternen auf rotem Grund gebildet werden. Der Wappenkopf sollte aus dem "zur Hälfte aufsteigenden altthüringer weiß und rot gestreiften Löwen" bestehen. Die Ähnlichkeit zum US-amerikanischen Sternenbanner war gewollt, die USA wurden als Symbol der Demokratie angesehen. Streng genommen enthielt aber diese Überlegung einen Denkfehler, denn Thüringen hatte, im Unterschied zu den USA, die Einzelstaaten aufgehoben.

Ein Kompromißvorschlag des Regierungschefs sah vor, aus Traditionsgründen den Landgrafenlöwen zusammen mit den Sternen in das Wappen hineinzunehmen, also gestalterisch entsprechend miteinander zu kombinieren, ein Gedanke, der erst siebzig Jahre später verwirklicht wurde. 1921 lehnte man die Aufnahme des Löwen, der als "Sinnbild der Raum- und Machtgier" betrachtet wurde, ab. Feudale Symbole jedweder Art waren damals unerwünscht. Deswegen wurde vorgeschlagen, "Symbole der modernen gesellschaftlichen Arbeit" in das Wappen aufzunehmen, schon weil der Löwe viel zu oft in der deutschen Heraldik vorkäme; von einem siebenzackigen silbernen Stern auf rotem Grund war die Rede, dann erschien einigen Abgeordneten das dominierende Rot suspekt, ein lächelnder Mond mit sechs Trabanten wurde ebenso vorgeschlagen wie ein Wappen mit sieben Tannenzapfen. Die Debatte hatte jeden sachlichen Boden verloren, und das Ergebnis war dann auch entsprechend. Am Ende stand ein Allerweltswappen, per Gesetz am 7. April 1921 verkündet: Das Wappen des Landes Thüringen bilden sieben silberne Sterne auf rotem Grund.

Den Abgeordneten des Thüringer Landtages fehlte damals Verständnis dafür, was Wappen eigentlich sind, nämlich "in die Form der mittelalterlichen Schutzwaffen, Helm und Schild, gebrachte, nach bestimmten Grundsätzen und Regeln verfertigte erbliche Bilder, … die als bleibende Abzeichen geführt werden." Sie haben also nur aus der Geschichte heraus ihren Sinn und können nicht nach Belieben wie Firmenschilder gewechselt werden.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurde aus dem Freistaat ein politisch unselbständiger Gau, dessen gleichgeschaltetem Landtag nach dem Stimmenverhältnis der Reichstagswahl von 1933 (ohne Kommunisten) ein vom Gauleiter eingesetzter Ministerpräsident vorstand. Thüringen erhielt ein neues Wappen, welches das allgemein sächsische Rautenkranzwappen für die ernestinischen Länder mit dem kaiserlichen Doppeladler, der den Schwarzburgern anläßlich ihrer Erhebung in den Reichsfürstenstand als Gnadenwappen verliehen worden war, dem reußischen Löwen und der Henneberger Henne vereinte, belegt mit dem achtfach von Silber und Rot quergestreiften Löwen in Blau, der ein goldenes Hakenkreuz darbrachte. Der Herzschild bildete bis 1945 als sog. Kleines Wappen zugleich das Siegel der Landesbehörden.

Mit dem Untergang des Dritten Reiches verschwand auch dieses, als "Thüringer Tiergarten" bespöttelte Wappen, und im Juli 1945 erhielt Thüringen sein nunmehr drittes Hoheitszeichen, einen (in der Urzeichnung goldenen) Löwen auf rotem Grund, umgeben von jetzt acht silbernen Sternen. Der neuaufgenommene Stern symbolisierte jene Gebiete des preußischen Thüringen - der 1944 aus der Provinz Sachsen ausgegliederte Regierungsbezirk Erfurt einschließlich des seit diesem Zeitpunkt zugehörigen Kreises Herrschaft Schmalkalden - die im Sommer 1945 in das Land integriert werden konnten. Das entsprechende Gesetz vom 13. August 1945 machte jedoch keine Angabe zur Tingierung (Farbgebung) des Löwen, so daß es nicht verwundert, wenn die wichtigste heraldische Figur später auch in Silber erscheinen konnte. Damit war aber die heraldische Vorschrift verletzt, daß jede Wappenschöpfung exakt beschrieben (blasoniert) werden muß.

Bereits am 28. Juni 1945 hatte der von der amerikanischen Militärverwaltung eingesetzte erste Nachkriegs-Regierungspräsident Hermann Brill in einer Sitzung des Regierungskollegiums vorgeschlagen, das Wappen von 1921 wieder einzuführen und durch einen achten Stern für die dem neuen Land Thüringen eingegliederten preußischen Gebietsteile zu ergänzen.

Nachdem die Sowjetische Militäradministration für Thüringen jedoch Mitte Juli 1945 Brill seines Amtes enthoben und durch den Geraer Rechtsanwalt Rudolf Paul ersetzt hatte, ordnete dieser die Aufnahme eines Löwen in das neue Landeswappen an. Möglicherweise schwebte ihm dabei der reußische Löwe im Stadtwappen von Gera vor, denn anders ist dessen goldene Tingierung nicht zu erklären.

1964 erzählte Heinrich Hoffmann, der zuerst Brills, dann Pauls Stellvertreter war, der neue Regierungspräsident habe als erste Amtshandlung für seinen Dienstwagen einen Stander verlangt, auf dem der "berühmte Meißner Löwe" prangen sollte. Dagegen habe er, Hoffmann, die Wiedereinführung des Freistaat-Wappens mit nunmehr acht Sternen vorgeschlagen, da der Löwe nun wirklich "kein friedliches Tier" sei.

Die Legende vom Meißner Löwen ist eine nachträgliche Erfindung Hoffmanns, der damit Paul Sachverstand in historischen und heraldischen Fragen absprach, um seinen angemaßten Anteil an dem neuen Thüringer Wappen in den Vordergrund zu rücken. Zwischen 1945 und 1952 wurde der goldene bzw. silberne Löwe niemals als Meißner Wappentier interpretiert, denn das Wappen der Mark Meißen zeigt einen schwarzen Löwen in Gold und hätte für Thüringen auch überhaupt keinen Sinn ergeben. Das neue Wappen war also eine Kombination des Wappens von 1921 mit dem häufigen heraldischen Symbol eines Löwen, der aber in seiner goldenen Tingierung auf rotem Grund in Thüringen historisch nicht zu begründen ist.

Seit der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde es in Europa üblich, Wappen anzunehmen. Sie dienten ursprünglich als bemalte Schilde nur dazu, die gepanzerten Ritter in Kämpfen und Turnierspielen voneinander zu unterscheiden. Bis zum Ende der Monarchie in Deutschland 1918 führte keine der früheren Territorialherrschaften ein derart tingiertes Löwenwappen. Die Landgrafen aus dem Hause Wettin führten oft neben dem Wappen der Landgrafschaft das der Mark Meißen in ihrer gleichzeitigen Eigenschaft als Markgrafen von Meißen (beide Titel waren im Rang gleich). Sie symbolisierten mit diesen beiden Wappen also ihre Besitzstände.

Wie das 1921er Wappen stellt auch das von 1945 eine Verletzung des heraldischen Erbprinzips dar und ist also kein "Stenogramm der Geschichte", wie der englische Heraldiker Antony Wagner die Wappen definierte. Die Neuschöpfung von 1945, an der, wie Hoffmann schreibt, kein Historiker beteiligt war, erschwert den Zugang zur thüringischen Geschichte und reduziert sie lediglich auf die Jahre seit der Vereinigung der thüringischen Kleinstaaten.

Der nach bildhaftem Ausdruck strebende mittelalterliche Mensch sah in den heraldischen Figuren und Zeichen Symbole weltlicher und geistlicher Macht. Adler, Löwen und Krone waren dafür natürlich besonders prädestiniert. Im Grunde gilt das auch heute noch. In der konkreten historischen Situation des Jahres 1945 aber waren die Symbole des alten Deutschen Reiches mit dem schrecklichen Erbe des Nationalsozialismus regelrecht belastet. Und in Thüringen im besonderen hatte sich das Hitlerregime eben auch des Landgrafenlöwens bedient. Äußeres Zeichen dafür war das goldenen Hakenkreuz, das man ihm in die Pranke gegeben hatte. Das alte Landgrafenwappen war nicht nur mißbraucht, sondern auch optisch verschandelt worden. Ein derart diskreditiertes Symbol erschien daher nicht geeignet, den demokratischen Neuaufbau zu begleiten. So gesehen ist die goldene Löwentingierung natürlich auch ein Symbol, und das Wappen wird damit zu einem Dokument der Zeitgeschichte.

Das Wappen Thüringens nach 1945

Sehr bald jedoch begann unter dem goldenen Löwen neues Unrecht das alte zu ersetzen. Am 20. Oktober 1946 fanden die letzten freien Landtagswahlen statt, die für die aus SPD und KPD zwangsweise vereinigte SED 50 von 100 Mandaten erbrachte. Die letzten Landtagswahlen 1950 erfolgten dann bereits nach dem Wahlgesetz der DDR, wonach die kandidierenden Parteien das "Recht" hatten, gemeinsame Wahlvorschläge einzubringen. Dieses Prinzip der Einheitslisten ließ jede "Wahl" zu einem bloßen Ritual erstarren. Hatte Rudolf Paul die sich anbahnende politische Entwicklung in Deutschland auf der Sitzung des süddeutschen Länderrates im Juni 1946 noch durchaus realistisch mit den Worten beschrieben: "Viel einschneidender als die Zerschneidung des deutschen Raumes in Zonen sehe ich eine Gefahr aufdämmern, die Gefahr der Zerreißung in Ideologien", so beantragte er auf der einzigen gesamtdeutschen Ministerpräsidentenkonferenz im Juni 1947 in München namens seiner ostdeutschen Kollegen die Bildung eines deutschen Einheitsstaates, wobei er den westdeutschen Widerstand gegen die SED völlig ignorierte, um sich wenige Monate darauf nach Westen abzusetzen.

Mußte sich die SED in den ersten Nachkriegsjahren aus rein praktischen Gründen noch der ungeliebten Länder bedienen, die sie jedoch gleichzeitig von innen heraus systematisch aufbrach, so war schließlich das föderative Prinzip 1952 dem "Aufbau des Sozialismus", d. h. der endgültigen Durchsetzung des zentralistischen Machtapparates, im Wege, und so wurde auch das erst sieben Jahre zuvor gebildete Land Thüringen samt seinem Wappen auf "Empfehlung" der SED als "historisch überlebtes feudales Relikt" durch die inzwischen gleichgeschaltete Volkskammer per Gesetz beseitigt. Die ungenügende Berücksichtigung historischer Grundlagen in Thüringens Wappen von 1945 ist kein Einzelfall. Ausgenommen Sachsen, das das alte Wappen beibehielt, und Mecklenburg-Vorpommern/ Mecklenburg, wo die Annahme eines Wappens bis 1952 nicht gelang, erhielten die anderen Länder der Sowjetischen Besatzungszone Wappen, in denen sich die Geschichte dieser Länder entweder nur teilweise oder überhaupt nicht widerspiegelt.

Ein historisches Wappen für ein wiedergegründetes Thüringen

Als sich 1990 die Neubildung der Länder in der noch bestehenden DDR abzeichnete, konnte bei der Frage, welches Symbol Thüringen zu geben war, die Aufgabe nur darin bestehen, die historische Quelle wiederzufinden, als das erste Thüringer Wappen entstanden war und seither die Geschichte unseres Landes begleitete. Dieses Symbol aber ist der bunte Löwe der Thüringer Landgrafen, und die Begründung dafür ergibt sich aus der Rolle und Bedeutung der Landgrafen in der thüringischen Geschichte.

Die Landgrafen waren im Rang zwischen Graf und Herzog stehende königliche Beamte und übten außer in ihrer Landgrafschaft noch in einem weit größeren Gebiet die Wahrung des Landfriedens und das Geleitrecht aus. Seit 1181 auch im Besitz der Pfalzgrafenwürde von Sachsen, gehörten sie zu jenen 16 weltlichen Großen, die allein als weltliche Reichsfürsten galten. In der Zeit des beginnenden Verfalls der kaiserlichen Zentralgewalt sicherten sie dem Land weitgehend politische Stabilität, indem sie den thüringischen Adel zur Anerkennung ihrer Oberhoheit zwangen.

Das Wappen mit dem bunten Löwen erscheint erstmals unter Landgraf Hermann I. (1190-1217) aus dem Geschlecht der Ludowinger. Als 1247 das Geschlecht der Ludowinger im Mannesstamm erloschen war, ergriff der Wettiner Heinrich von Meißen auf Grund einer bereits 1242 von Kaiser Friedrich II. erhaltenen Eventualbelehnung von der Landgrafschaft, die damals auch weite Teile Nord- und Mittelhessens umfaßte, Besitz. Sophie von Brabant, Tochter Landgraf Ludwigs IV. und der heiligen Elisabeth, hatte sich zunächst mit ihrem hessischen Erbteil begnügt, machte dann jedoch weitere Ansprüche auch in Thüringen geltend, die sie aber nicht durchsetzen konnte. Im Ergebnis des von 1247 bis 1263 währenden Erbfolgestreits kam es schließlich zur endgültigen Trennung zwischen Thüringen und Hessen, doch behielten sowohl die Wettiner, als auch die hessischen Erben für ihre bereits 1248 gebildete Landgrafschaft Hessen das Wappen mit dem bunten Löwen bei. Bis 1918 blieb es in den Gesamtwappen der meisten ernestinischen Herzogtümer ebenso als Zeichen für Thüringen erhalten, wie im Großen Wappen des Königreichs Sachsen. Dadurch aber ließen sich die beiden Teile der einstigen ludowingischen Landgrafschaft heraldisch nicht voneinander abgrenzen. Zwar hatte bereits der zweite Wettiner Landgraf Albrecht das achtfach von Rot und Silber gestreifte Wappen Konrads von Thüringen (gest. 1240) übernommen, doch finden sich später auch wieder Streifungen, die von oben her mit Silber beginnen, und noch im Großen Sächsischen Wappen stimmt der bunte Löwe hinsichtlich Anzahl der Streifen und Reihenfolge ihrer Tingierung mit dem im Wappen des Großherzogtums Hessen, aus dem das Hessenwappen hervorging, überein.

1815 hatte jedoch Preußen von der sächsischen Krone den "Thüringer Kreis" übernommen, jenen Teil der ehemaligen Landgrafschaft, der mit der Wettiner Erbteilung von 1485 an die albertinische Linie gefallen und 1547 von Kurfürst Moritz von Sachsen in einer eigenen Verwaltungseinheit zusammengefaßt worden war. Dazu kam 1866 die Einverleibung von Kurhessen und Nassau. Um diese Erwerbungen im Großen Preußischen Wappen heraldisch dokumentieren zu können, wählte man für Thüringen wie für Hessen die achtfache Streifung des Löwenwappens von Konrad von Thüringen, begann sie für Hessen, analog dem großherzoglich bunten Löwen, von oben her mit Silber, für Thüringen aber mit Rot, wodurch die heraldische Abgrenzung hergestellt war.

Die Frage nach dem Ursprung der doch recht ungewöhnlichen Streifung des Löwen läßt sich nicht beantworten. Die auf den Marburger Historiker von Brockhusen zurückgehende Ansicht, Landgraf Ludwig III. (1172-1190) habe bereits auf seinem 1182-1185 geführten zweiten Siegel einen von Rot und Silber siebenmal geteilten steigenden Löwen in Blau geführt, hielt der Nachprüfung nicht stand. Keines der sechs erhaltenen Fragmente dieses Siegels läßt ein Wappen erkennen, und auch die Reiterbrakteaten (Hochrandmünzen) Ludwigs III. zeigen keinerlei Wappendarstellungen. Damit wurden auch keine Belege für die Annahme gefunden, die Löwenstreifung sei aus der weit älteren Lehnsfahne der Landgrafschaft übernommen worden. Mit Sicherheit sind Rot und Weiß die Mainzer Farben, die sich bei Adligen, die in enger Verbindung zum Erzbistum Mainz standen, oft zu finden sind. Zwischen 1921 und 1952 wurden sie in der Kombination Weiß-Rot als horizontale Streifen in der Landesflagge geführt und so auch 1991 übernommen. In der Spiegelung ergeben sie die hessische Kombination Rot-Weiß, wodurch die engen geschichtlichen Verbindungen beider Länder auch in den Flaggen eindrucksvoll dokumentiert sind. Übernommen wurden auch die Sterne der Vorgängerwappen ab 1921 als Symbole des Zusammenwachsens der verschiedenen territorialen Teile Thüringens. Der achte Stern versinnbildlicht dabei alle preußisch-thüringischen Gebiete.

So steht das Thüringer Wappen von 1991 zum einen in der Tradition einer mehr als siebenhundertjährigen Geschichte dieses Landes, wobei zugleich eine saubere heraldische Abgrenzung gegenüber Hessen vorliegt, zum anderen ist es mit seinen silbernen Sternen den demokratischen Traditionen des 20. Jahrhunderts verpflichtet.

 

Copyright: Prof. Dr. Axel Stelzner, Universität Jena